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Sportlerportrait 03/2016 – Hana van Loock: Für die Sprinterin beginnen die Langstrecken bei 200 Meter

Fotos/Bericht: Peter Kuhne

In unserer Serie der Sportlerportraits gibt es in den Lebensläufen der Schwimmerinnen und Schwimmer immer wieder individuelle Besonderheiten, die uns teilweise überrascht aber auch stets begeistert haben. Obwohl alle die gleiche Sportart ausüben, sind die Geschichten über unsere Athleten oft so, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Beispiel dafür ist das, was wir hier über Hana van Loock berichten.

Bis die am 25. April 1999 in Düsseldorf geborene Schwimmerin zu ihrem jetzigen Verein, der SG Essen kam, waren die Stationen ihres Schwimmerlebens nämlich fast um den ganzen Erdball verteilt. „In Düsseldorf bin ich nur geboren. Gewohnt habe ich dort nie. Kurze Zeit lebte ich mit meiner Familie in Ratingen, dann sind wir nach Japan gezogen“, erzählt Hana.
Dass es so kam liegt an ihren Wurzeln. Ihre Mutter ist nämlich Japanerin, ihr Vater Deutscher. In Japan ist sie in mehreren Vereinen geschwommen. Zwischenzeitlich wohnte die Familie auch ein Jahr in St. Peterburg in Russland. „Mein Vater wurde beruflich dorthin versetzt. In St. Petersburg wurde zu dieser Zeit gerade eine deutsche Schule eröffnet. Das hat gut gepasst und darum sind wir mitgegangen. Ich war damals in der fünften Klasse und bin in Russland auch weiter geschwommen. Danach zogen wir wieder nach Japan, haben in Yokohama gewohnt und sind anschließend dann innerhalb Japans meist aufs Land umgezogen.“, fügt Hana hinzu. „Die SG Essen ist mein sechster, aber auch erster deutscher Verein. Bis dahin bin ich schwimmerisch ziemlich weit rum gekommen“, schmunzelt Hana.

Kontakt mit dem nassen Element hat Hana seit ihre Mutter sie in eine Babyschwimmgruppe geschickt hat. Seit drei Jahren wohnt Hana van Loock jetzt in Essen und zwar im Stadtteil Rüttenscheid, 15 Minuten zu Fuß von ihrer Trainingsstätte, dem Leistungszentrum Rüttenscheid entfernt. Genau so weit ist es zu ihrer Schule, dem Helmholtz-Gymnasium, wo sie die zwölfte Klasse besucht. 2017 will sie dort Abitur machen. „Ich bin mir noch nicht sicher, was ich danach mache. Mein Plan ist zunächst, dass ich ziemlich zügig anfange zu studieren, was auch immer. Ich möchte zwischen Abi und Studium nicht so viel Pause haben. Das könnte dazu führen, dass ich mich verliere und nicht mehr so klare Strukturen am Tag habe“, sagt Hana.
Nur wenn sie sportlich richtig gut ist, würde sie eventuell in Betracht ziehen, Studium oder Ausbildung kurzzeitig zu unterbrechen. Sie hat bei diesen Überlegungen auch klar im Blick, dass man vom Schwimmen nicht reich werden kann. Dabei ärgert sie es schon ein wenig, wie es in anderen Sportarten aussieht. „Wenn man zum Beispiel Fußballer sieht, die im gleichen Alter oder unwesentlich älter sind als ich und schon richtig viel Geld verdienen obwohl sie noch nicht einmal richtig gut sind und wesentlich weniger trainieren als wir Schwimmer, fragt man sich schon, wofür man selbst so viel trainiert. Man hat zwar selbst auch sportlichen Erfolg, aber das ist nicht vergleichbar“, meint Hana.

Bei der SG Essen trainiert sie bei Nicole Endruschat und Mitja Zastrow. An der Essener Startgemeinschaft gefällt ihr, dass man aufgrund ihrer Größe viel Unterstützung erfährt. Das war sie von ihren vorigen Vereinen so nicht gewohnt, vor allem auch, dass es in Essen so viele Mannschaften gibt. Eigentlich ist Hana froh, dass Schwimmen eine Einzelsportart ist. Für sie ist es aber sehr wichtig, dass sie gute Trainingspartner hat. Dadurch macht ihr das Training besonders viel Spaß. „Alleine zu trainieren halte ich für ein großes Problem“, glaubt Hana. Direkte Vorbilder hat sie nicht. „Ich schaue mir von anderen gerne gute Sachen ab, mehr nicht“, sagt Hana.
Ihre Lieblingsdisziplinen sind die kurzen Freistilstrecken über 50 und 100m. „Wenn es länger wird, ist es schon hart für mich. 200m sind für mich schon relativ lang. Wenn man da einmal auf die Bestenliste guckt, sieht man dass ich da ziemlich weit unten stehe“, lacht Hana.
Ihre zweite Lage ist Rücken, wo sie außer den Sprintstrecken ausnahmsweise auch schon einmal in erster Linie auf der Langbahn über 200m startet. Was sie gar nicht mag ist Brust. „Brust kann ich überhaupt nicht. Ich glaube da bin ich die langsamste in der ganzen Mannschaft“, meint Hana. Ihre Zukunft im Schwimmbecken sieht sie auf den Sprintstrecken. „Man soll das machen, was man gut kann. Sprinter zu sein hat außerdem einige Vorteile, vor allem beim Training“, meint Hana. Sie favorisiert die Kurzbahnsaison. „Bevor ich nach Essen gekommen bin, habe ich nie auf der Langbahn trainiert und bin auch meistens nur Kurzbahnwettkämpfe geschwommen. Vielleicht bin ich das von daher noch so gewohnt. Auf der Langbahn habe ich manchmal das Gefühl, dass die Bahn nie endet“, begründet Hana ihre Vorliebe für das 25 Meter Becken. „Meine größte Stärke ist das Beine schwimmen. Ich schwimme viel über die Beine. Viele Vorteile ziehe ich dadurch aus der Wand. In den Armen habe ich hingegen nicht so viel Kraft. Defizite habe ich noch bei Start und Wenden“, erzählt uns Hana.

Seit dem sie in Essen ist, kann Hana van Loock eine Reihe von Erfolgen vorweisen. Bei SV NRW-Meisterschaften sammelte sie bisher zwölf Jahrgangstitel (8 Kurzbahn, 4 Langbahn). Ihr bestes Jahr war hierbei 2015, wo sie allein sechs NRW-Jahrgangstitel gewann. Ebenfalls gewann Hana 2015 bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften in Berlin über 50m Freistil die Silbermedaille. Über 100m Freistil schlug sie bei der gleichen Veranstaltung als Fünfte an, über 100m Rücken wurde sie Sechste und über 200m Rücken Achte. Ein Jahr vorher stand sie bei den DJM in vier Finals, wobei Rang sechs über 100m Freistil ihre beste Platzierung war. Bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften 2015 in Wuppertal war Hana van Loock über 50m und 100m Freistil jeweils zweitschnellste Schwimmerin des Jahrgangs 1999.
Höhepunkt des Jahres 2015 war für sie die Teilnahme an den Jugend-Europameisterschaften in Baku, die in die ersten European Games eingebunden waren. Diese Veranstaltung bezeichnet Hana als ihr bisher schönstes sportliches Erlebnis. „Ich durfte bei den Staffeln in den Vorläufen schwimmen. Dadurch habe ich bei der JEM zwei Bronzemedaillen gewonnen, obwohl ich im Finale nicht eingesetzt wurde“, berichtet Hana.
Auch mit der Mannschaft konnte sie einige Erfolge feiern. Mit den Frauen der SG Essen wurde sie 2016 Deutsche Mannschaftsmeisterin. Mit der 4x100m Lagenstaffel der SG Essen schwamm sie neuen Deutschen Rekord. Ihr gutes Jahr 2015 wurde mit dem Titel Jugendschwimmerin des Jahres im SV NRW belohnt, was ihr sehr viel bedeutet. Im Jahr zuvor stand sie bei dieser Wertung noch auf Rang neun.
Außerdem wurde Hana 2015 in das SV NRW-JUNIOR-TOP-TEAM aufgenommen, mit dem sie in den Herbstferien das Trainingslager im türkischen Belek absolvierte. Dem TOP-TEAM gehört sie auch in diesem Jahr an. Auf das kommende Trainingslager in Südafrika freut sie sich schon sehr. Diese Saison lief es für Hana nicht ganz optimal.
An ihre Erfolge von 2015 konnte sie nicht ganz anknüpfen. „Weil man denkt, nach so einem erfolgreichen Jahr muss ich jetzt noch besser werden, baut man vielleicht zu viel Druck auf. Ich bin mir nicht sicher ob es tatsächlich so ist, habe mir aber darüber viele Gedanken gemacht und gerätselt warum es in diesem Jahr nicht so gut gelaufen ist. Jetzt beginnt aber wieder eine neue Saison und ich hoffe und kämpfe, dass es wieder besser wird“, sagt Hana. Sie hat zwar kein bestimmtes Lebensmotto, richtet sich aber nach der Devise, dass man jeden Tag neu anfangen soll und neue Chancen sucht. „Sportlich habe ich mir für die neue Saison als Ziel gesetzt, dass ich wieder an meine Bestzeiten herankomme und diese möglichst auch verbessere. Außerdem möchte ich bei den kommenden Deutschen Kurzbahnmeisterschaften gerne in ein Finale kommen. Nächstes Jahr kann ich zum letzten Mal noch an den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften teilnehmen. Da wäre es schön, wenn ich noch einmal Medaillen gewinnen könnte. Fernere Ziele habe ich noch nicht, ich gucke einfach wie es so läuft“, so Hana.

Die 17-jährige hat noch zwei Geschwister, die ebenfalls bei der SG Essen schwimmen. Schwester Miki ist Jahrgang 2002 und gewann bei SV NRW-Meisterschaften ebenfalls schon einige Jahrgangstitel. Ihr Bruder Taiyo gehört dem Jahrgang 2004 an und will auch an die Erfolge seiner älteren Geschwister anknüpfen. Zu Hause in Essen-Rüttenscheid wird mit der Mutter meistens japanisch gesprochen. „Russisch habe ich hingegen fast verlernt. Es ist ja auch schon lange her, dass ich dort gelebt habe“, erzählt Hana.
Neben Schwimmen hat Hana keine weiteren sportlichen Vorlieben. „Außer im Schwimmen bin ich ziemlich unsportlich. Ich kann eigentlich nichts so richtig gut. Meine Stärken liegen eher auf dem musikalischen Sektor. Ich spiele Klavier und habe auch lange Klavierunterricht gehabt. Als ich noch jünger war und noch nicht so viel Schwimmtraining hatte, habe ich jeden Tag geübt. Zu dieser Zeit war das Klavier spielen genauso wichtig wie das Schwimmen. Irgendwann wurde ich dann aber im Schwimmen immer besser als im Klavierspielen und als das Training immer mehr wurde, musste ich leider aufhören“, bedauert Hana, dass sie nicht mehr so viel Zeit für ihr musikalisches Hobby hat.

Wenn sie jetzt ein weinig Freizeit hat versucht sie sich mit ihren Freunden aus der Schule zu treffen um zu shoppen, ins Kino oder essen zu gehen. Wenn sie zu Hause ist, versucht sie viel zu schlafen. Mit der Familie sieht sie sich im Fernsehen gerne die US-amerikanische Mockumentary-Comedyserie „Modern Family“ an. Wenn die Familie van Loock einmal gerne japanisch essen gehen möchte, fährt sie nach Düsseldorf, wo in Deutschland die meisten Japaner leben und arbeiten. Natürlich habe ich sie gefragt, ob sie mit Stäbchen essen kann und Hana antwortete mit einem Lächeln, als ob sie die Frage erwartet hätte, dass sie das natürlich kann. „Zu Hause essen wir mit Stäbchen, ich kann alles damit essen, obwohl ich es nicht perfekt beherrsche. Mir fehlt irgendwie die richtige Haltung“ klärt uns Hana auf.
Glücklich ist sie, wenn sie Spaß hat und den Alltag hinter sich lassen kann. Nicht verzichten mag Hana auf ein gemütliches Bett. Zur Frage einer möglichen Wiedergeburt sagt Hana: „Es ist zwar komisch, aber ich bin gerade in so einem Einhornwahn. Also nach einer Wiedergeburt als Einhorn über den Regenbogen laufen, das fände ich schön“, gibt uns Hana zu verstehen. In meinem Kopf entsteht ein Bild: Hana van Loock sitzt auf einem Regenbogen, schaufelt mit Stäbchen Leckereien in sich rein und spielt dabei Klavier. Wenn ich bei einem meiner nächsten Sparziergänge den nächsten Regenbogen sehe, werde ich mich bestimmt daran erinnern und Hana zuwinken.

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