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Sportlerportrait 03/2015 – Jeannette Spiwoks: Durchmarsch total. Von Null auf Hundert in nur drei Jahren

Fotos/ Bericht: © Peter Kuhne

Jeannette Spiwoks (SG Essen)

Unser heutiges Sportlerportrait beschäftigt sich mit einer Schwimmerin der SG Essen, die man im wahrsten Sinne des Wortes als Senkrechtstarterin bezeichnen kann. Die Rede ist von Jeannette Spiwoks, die es in kürzester Zeit geschafft hat aus dem Nichts zu einer Spitzensportlerin zu werden.

Angefangen Wettkämpfe zu schwimmen hat sie nämlich erst im Jahr 2012. Drei Jahre später kann sie bereits auf zahlreiche Erfolge, wie SV NRW-Meisterin der offenen Klasse, Deutsche Jahrgangsmeisterin und auf eine JEM-Teilnahme zurückblicken. Mir fällt spontan niemand ein, der eine ähnlich rasante Entwicklung genommen hat wie die gebürtige Dinslakenerin. Hierzu passt ihr Lebensmotto „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s gemacht.“ wie die Faust auf’s Auge.

Jeannette Spiwoks erblickte am 18. November 1998 das Licht der Welt. Das war an einem Mittwoch, der auch gleichzeitig Buß- und Bettag war. An diesem Tag war Neumond. An der Spitze der Deutschen Single-Charts stand „Flugzeuge im Bauch“ von Oli P. Am Abend endete in Gelsenkirchen ein Fußball-Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden 1:1. DER SPIEGEL titelte in Jeannettes Geburtswoche: „Eltern ohne Einfluß. Ist Erziehung sinnlos“? Hiervon bekam die winzige Jeannette natürlich noch nichts mit, sie selbst sorgte erst viele Jahre später für Schlagzeilen.

Zu Hause ist Jeannette Spiwoks in Voerde am unteren Niederrhein. Die Stadt im Nordwesten des Ruhrgebiets, die  zwischen Dinslaken und Wesel liegt, zählt ca. 37.000 Einwohner. Dort wohnt sie allerdings nur an den Wochenenden und in den Ferien. Unter der Woche wohnt sie seit dem Ende der Sommerferien im Sport- und Tanzinternat Essen-Rüttenscheid, wo sie sich ein Zimmer mit ihrer Mannschaftskameradin von der SG Essen, Delaine Goll teilt.

Ihre Schule, das Essener Helmholtz-Gymnasium, wo sie sich in der Einführungsphase befindet, was in etwa der zehnten Klasse entspricht, liegt direkt gegenüber dem Internat und auch in unmittelbarer Nähe des Rüttenscheider Schwimmzentrums, wo Jeannette ihre Trainingsbahnen zieht. „Das ist alles natürlich sehr praktisch. Im Moment ist es aber auch sehr schwer, da ich in keiner Sportklasse bin, sondern eine normale Klasse besuche. Das ist mit einem hohen Zeitaufwand verbunden, was hinsichtlich Training sehr ätzend ist. Ich überlege daher im nächsten Jahr eine Schulstreckung zu machen“, erzählt Jeannette.

Pläne was sie nach dem Abitur, das sie je nach Verlauf ihres Schulbesuchs entweder schon 2018 vielleicht aber auch erst 2020 machen will, hat sie noch keine. „Ein Studium ist wahrscheinlich, welche Richtung weiß ich aber noch nicht“, sagt Jeannette.

Jeannette Spiwoks (SG Essen)

Wie eingangs bereits erwähnt, betreibt sie erst seit 2012 Wettkampfsport. Schwimmen konnte sie allerdings schon früher. „Nach dem  Seepferdchen habe ich im Verein mit den anderen einmal in der Woche eine Stunde mehr gespielt als trainiert. Da waren aber auch welche, die jünger waren als ich  und immer zu mir gesagt haben, dass ich Wettkämpfe schwimmen sollte. Ich habe das dann ausgetestet. Angefangen habe ich mit 100m Freistil. Das lief dann gleich sehr gut. So ist das alles entstanden“, beschreibt Jeannette die Anfänge ihres Wettkampflebens.

Von zu Hause aus ist Jeannette schwimmerisch vorbelastet, ihre Eltern waren beide Schwimmer. Vater Gerd bevorzugte eher die langen Strecken, während Mutter Astrid, die mehrfach bei Deutschen Meisterschaften startete und anschließend auch Masters-WM-Teilnehmerin war, auf den kürzeren Strecken zu Hause war. Auch Jeannettes jüngerer Bruder Timo (13) ist aktiver Schwimmer.

Bevor sie zum Schwimmen kam, hat Jeannette einiges andere ausprobiert. Trampolinspringen, Step-Aerobic und auch Fußball finden sich in der Liste der Sportarten, die sie betrieben hat. Jegliche Ballsportarten sind inzwischen das, was sie gar nicht machen würde. „Ich hasse den Ball“, lacht sie. Nachdem Jeannette zwischen 2012 und 2014 in mehreren Turn- und Sportvereinen im Kreis Wesel aktiv war, wechselte sie schon Anfang 2015 zur SG Essen, obwohl der Vereinswechsel zunächst erst für nach den Sommerferien geplant war. „Meinen Wechsel zur SG Essen hat. Landestrainer Jürgen Verhölsdonk sehr unterstützt, wofür ich ihm sehr dankbar bin“, so Jeannette Spiwoks. In Essen, wo sie bei Klaas Fokken trainiert fühlt sie sich sehr wohl.

Jeannette Spiwoks (SG Essen)

Sportlich lief es von Beginn an sehr gut. Ihr bisher größter Erfolg mit der SG Essen war der Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft 2015, an dem sie mit guten Ergebnissen über 200m, 400m und 800m Freistil nicht unwesentlichen Anteil hatte. Jeannettes Lieblingsdisziplinen sind die langen Freistilstrecken ab 400m und seit diesem Jahr auch das Freiwasserschwimmen. „Im Becken schwimme ich am liebsten die 1500m Freistil. Es macht mir Spaß, dass ich hier auch hinten raus noch Stärken zeigen kann. Allerdings muss ich noch an den Wenden arbeiten, denn da verliere ich immer ziemlich viel“, erklärt Jeannette. Zum Freiwasserschwimmen brachte sie mehr oder weniger ihr Trainer Klaas Fokken. „Er meinte ich sollte das einfach einmal probieren, da ich eine gute Ausdauer habe und ich hätte auch die Chance Freiwasser-JEM zu schwimmen. Entweder es reicht oder es reicht nicht. Ich habe das dann auch gemacht und es hat gereicht. Bei meinem ersten Wettkampf überhaupt bin ich  bei den Deutschen Meisterschaften in Lindau über die 10 Kilometer bei den Junioren Zweite geworden, womit ich die JEM-Qualifikation für Tenero/Schweiz geschafft habe. Das war ein cooler Erfolg. Ich hatte mir die JEM-Quali aber auch als Ziel gesetzt, dafür bin ich schließlich zu den Deutschen gefahren“, freut sich Jeannette noch heute über ihr Erfolgserlebnis am Bodensee, den sie mit dem  Titelgewinn bei den Junioren über 5 Kilometer vervollständigte. Wie war das noch mit ihrem Lebensmotto? „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s gemacht.“ Die Qualifikation für die JEM in Tenero hat Jeannette mehr als gerechtfertigt. Über 7,5 Kilometer belegte sie einen ausgezeichneten zehnten Platz.

Die Titelkämpfe in der Schweiz bezeichnet Jeannette als ihr bisher schönstes Erlebnis im Schwimmsport. Bei Deutschen Jahrgangsmeisterschaften im Becken feierte sie in den letzten zwei Jahren Erfolge. 2014 wurde sie in Berlin Deutsche Meisterin über 1500m und Vizemeisterin über 800m Freistil. In diesem Jahr gewann sie an gleicher Stelle Silber über 1500m Freistil und Bronze über 800m Freistil. „Der Titelgewinn 2014 über 1500m ist mir der liebste. Da habe ich Leonie-Antonia Beck geschlagen, das war echt cool“, schmunzelt Jeannette.

Auch bei Deutschen Meisterschaften in der offenen Klasse stellten sich bereits Erfolge ein. So wurde Jeannette Spiwoks in diesem Jahr über 800m und 1500m Freistil jeweils Vierte. Auf NRW-Ebene war nach mehreren Jahrgangstiteln der Titelgewinn in der offenen Klasse über 400m Freistil bei den Kurzbahnmeisterschaften 2014 ihr größter Erfolg. Jeannettes sportliches Vorbild kommt mit Isabelle Härle – wie sie selbst auch Freiwasserschwimmerin – aus dem eigenen Verein. „Es ist bewundernswert wie viel sie trainiert und das sie immer die Motivation mitbringt. Für Lindau hat sie mir einige Tipps gegeben, die mir sehr geholfen haben“, erzählt Jeannette.

Ganz oben auf dem Siegertreppchen auch bei den SV NRW-Freiwassermeisterschaften

Kennenlernen möchte sie gerne einmal die Ungarin Katinka Hosszu. Mit ihr würde sie gerne einmal zusammen trainieren. “Ich würde gerne wissen wie hart sie trainiert und vielleicht hat sie auch Tipps, die ich umsetzen kann“, bemerkt Jeannette.

Für die nähere Zukunft hat sich Jeannette vorgenommen, sich für die Freiwasser-JEM und WM 2016 zu qualifizieren. Freuen würde sie sich auch, wenn sie Ende des Jahres vom DSV für den traditionellen Wettkampf in Portland/USA nominiert würde und der Verband sein Versprechen wahr macht, sie zu Freiwasser-Weltcups zu schicken. Auf längere Sicht fände sie es „cool“, wenn sie 2020 an den Olympischen Spielen teilnehmen könnte. Das kann aber nur klappen, wenn sie Schule und Sport gut unter einem Hut bringen kann.

Jeannette Spiwoks (SG Essen)

Als ihre Hobbys bezeichnet sie Schwimmen und Reisen, wobei sie als ihre liebsten Reiseziele Dubai und die USA nennt. Glücklich machen kann man Jeannette, die seit 2014 auch dem SV NRW-JUNIOR-TOP-TEAM angehört, mit dem sie viele schöne Erlebnisse verbindet, mit einem guten Essen. „Gut ist alles was Mama kocht. In der Mensa des Internats in Essen gibt es meistens mittags und abends Nudeln. Da freue ich mich jedes Mal wenn ich zu Hause bei Mama etwas andere bekomme“, lacht Jeannette, für die es das wichtigste ist gesund zu bleiben. Einen Traum hat sie auch, sie möchte nämlich Millionärin werden. Wenn sie das schafft, will sie sich eine Traumvilla in Nizza bauen. Wobei dann wieder ihr Lebensmotto in’s Spiel kommt  „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s gemacht“.

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