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Sportlerportrait 01/2017 – Jennifer Pietrasch: Ein Leben im Wasser von Anfang an

Am 7. April 1999, einem Mittwoch, an dem sich in NRW das Wetter bedeckt und regnerisch präsentierte, machte es in Essen plötzlich plumps und Jennifer Pietrasch lag im Wasser. Sie erblickte das Licht der Welt nämlich bei einer Wassergeburt. Einen optimaleren Start in ein Schwimmerleben kann man sich wohl kaum vorstellen. „Beim Startsignal und bei der Wende muss sich der Schwimmer in Rückenlage abstoßen[…].Während der Wende dürfen die Schultern über die Senkrechte in die Brustlage gedreht werden…..“ Ob Jennifer die hier auszugsweise wiedergegebenen Bestimmungen des § 127 Rückenschwimmen der Wettkampfbestimmungen des DSV unmittelbar nach ihrer Entbindung schon umsetzte, ist nicht überliefert, darf aber wohl bezweifelt werden. Inzwischen ist die korrekte Wendenausführung für die Rückenspezialistin, die am gleichen Tag Geburtstag hat wie Altbundeskanzler Gerhard Schröder (geb. 1944) und Fußballer Franck Ribéry (1983) aber kein Problem mehr.

 

 

Jennifer Pietrasch (SV 1911 Bottrop)

Fotos/Bericht: ©Peter Kuhne

Jennifer Pietrasch schwimmt für den SV 1911 Bottrop. Bottrop, die ca. 117.000 Einwohner zählende kreisfreie Großstadt im Ruhrgebiet, die zum Regierungsbezirk Münster gehört scheint ein gutes Pflaster für Schwimmer zu sein. Annalena Felker, Delaine Goll, Mareike Ehring und Antonia Stenbrock, allesamt erfolgreiche Nachwuchsathleten des SV NRW kommen von dort.
Während die Genannten allerdings für Vereine außerhalb Bottrops schwimmen, ist es bei Jennifer Pietrasch genau umgekehrt. Sie wohnt in Essen in unmittelbarer Nähe der Zeche Zollverein, schwimmt aber für einen Bottroper Verein. „Ich habe vereinsmäßig bei der SG Gelsenkirchen angefangen. Danach ging es kurz zur SVg Bottrop 1924, wo ich aber nicht so gut zurechtkam. Jetzt schwimme ich beim SV 1911 Bottrop“, erzählt Jennifer, die entweder Jenny genannt wird, seit der JEM 2016 aber auch auf den Spitznamen Niffer hört. Für diesen Namen ist hauptsächlich die für die SG Essen schwimmende Delaine Goll verantwortlich, die zusammen mit ihr im DSV-JEM-Team 2016 stand.

Jennifer Pietrasch besucht in Essen die 12. Klasse des Dore Jacobs Berufskollegs. Schwerpunkte im Lehrplan sind dort Sport und Biologie. Der Unterricht vermittelt die ganzheitlichen Grundsätze und umfassenden Zusammenhänge von Bewegung, Entwicklung, Persönlichkeit und Integration. Ihren Abschluss will Jennifer 2018 mit dem Fachabitur machen, anschließend strebt sie ein Studium in Richtung Sport oder Biologie an. Ihr Berufswunsch ist Sportmedizinerin.

Jennifer Pietrasch (SV 1911 Bottrop)

Wettkämpfe bestreitet Jennifer, die von ihren Eltern Hilde und Michael trainiert wird, seitdem sie sechs Jahre alt ist. Ihr Bruder Oliver (21) ist früher auch geschwommen, hat das aber wegen seines Studiums aufgegeben.
Sie trainiert beim SV 1911 Bottrop in einer kleinen Halle auf einer 25m-Bahn, wo sie sich sehr wohl fühlt. „Ich trainiere gern in kleinen Bädern, auf Wettkämpfen bin ich hingegen gern in großen Bädern. Das war im Anfang noch nicht so. Ich mochte die Hallen in Wuppertal und Berlin zunächst gar nicht, die waren mir einfach zu groß. Mittlerweile gefallen sie mir aber ganz gut“, sagt Jennifer. Dass sie keine 50m-Bahn zum Training hat, stört sie nicht besonders.
Von Sportarten außer Schwimmen ist sie an Tanz und Bogenschießen interessiert. „Tanzen habe ich in der Schule gelernt, wobei mir hierbei die flüssigen Bewegungen besonders gefallen haben. Bogenschießen habe ich in einem Centerpark kennengelernt und seitdem mache ich das ab und zu. Meistens jedoch nur in den Sommerferien, weil ich dann die meiste Zeit dazu habe“, so Jennifer. Beim Schwimmen wollte sie auch einmal Synchronschwimmen ausprobieren, was allerdings daran scheiterte, dass es hierfür nicht so viele Vereine gibt, die das betreiben. Was sie nicht mag, sind Mannschaftssportarten, wie zum Beispiel Fußball. „Ich bin Einzelsportlerin und mache den Sport in erster Linie für mich selbst. Staffeln beim Schwimmen sind noch o.k., aber so eine ganze Mannschaft wie beim Fußball, das wäre nichts für mich“, erklärt uns Jennifer.
Zu ihren Vorbildern im Schwimmen sagt sie, dass sie nach den Olympischen Spielen 2012 die US-Amerikanerin Missy Franklin, die dort über 100m und 200m Rücken, sowie mit der 4x200m Freistil- und 4x100m Lagenstaffel Gold gewann, richtig stark fand. „Die 200m Rücken, die sie abgeliefert hat, haben mich total begeistert und dazu geführt, selbst die Lage Rücken zu schwimmen“, verrät Jennifer. Mittlerweile begeistert sie die Ungarin Katinka Hosszú, an der sie bewundert, dass sie alle Lagen beherrscht. Die Ungarin möchte sie gerne einmal kennenlernen. „Es wäre toll, wenn ich von Katinka mal ein paar Tipps bekommen könnte“, wünscht sich Jennifer, deren Hauptlage das Rückenschwimmen ist. Inzwischen hat sie aber auch ihren Spaß am Lagenschwimmen entdeckt, obwohl Kraul und Brust nicht zu ihren Vorlieben zählen. Bei den Rückenstrecken bevorzugt Jennifer die 100m, die sie im Wettkampf auch am liebsten auf der Langbahn schwimmt, während ihr bei den 200m die Kurzbahn mehr zusagt.

Auf Ebene des SV NRW gewann Jennifer Pietrasch bisher 12 Jahrgangstitel (10 Langbahn, 2 Kurzbahn). In der offenen Klasse gewann sie bei SV NRW-Meisterschaften schon 9 Medaillen (3 Gold, 4 Silber, 2 Bronze). Ihr bislang größter Erfolg hierbei war ihr dreifacher Titelgewinn bei den NRW-Kurzbahnmeisterschaften 2016 in Wuppertal über 50m, 100m und 200m Rücken. „Das war für mich eine große Überraschung, auch was die Zeiten angeht. Ich hatte da wohl ein richtig gutes Wochenende“, schmunzelt Jennifer, die bei diesen Titelkämpfen in Vor- und Endläufen insgesamt acht neue persönliche Bestzeiten schwamm.
Bei Deutschen Jahrgangsmeisterschaften sammelte Jennifer Pietrasch bisher sieben Medaillen. Ihre erste holte sie sich bei den Titelkämpfen 2014 mit Silber über 100m Rücken ab. Diesen Erfolg bezeichnet sie auch als ihr bisher schönstes Erlebnis im Schwimmsport. 2015 gewann sie Silber über 100m Rücken und Bronze über 200m Rücken. 2016 gab es wiederum Bronze über 200m Rücken im Jahrgang 1999, in den Hauptfinals der Jugend und Junioren gewann sie über alle drei Rückenstrecken die Silbermedaillen. Jennifer Pietrasch hält die Bezirksrekorde des Schwimmbezirks Nordwestfalen über 100m und 200m Rücken sowohl auf der Lang- als auch auf der Kurzbahn. Über 100m Rücken ist sie auch Inhaberin des Jahrgangsrekordes auf der Langbahn für 17-Jährige im SV NRW.

Jugendschwimmerinnen des Jahres unter sich. Jennifer Pietrasch, links mit ihrer Vorgängerin aus dem Jahr 2015 Hana van Loock (SG Essen)

Jennifer gehört dem aktuellen C-Kader des DSV an. Sie stand im deutschen Aufgebot für die Jugend-Europameisterschaften 2016 im ungarischen Hodmezovasar. Hier erreichte sie über 100m Rücken das Halbfinale und wurde insgesamt Dreizehnte. Ihre hervorragenden Wettkampfergebnisse im vorigen Jahr fanden ihren Niederschlag in der Wertung unseres Landesverbandes für die Jugendschwimmerin des Jahres 2016 im SV NRW. Diese Rangliste führt die noch 17-Jährige an. „Es hat mich überrascht, dass ich diese Wertung gewonnen habe, weil besonders der Jahrgang 1999 in NRW sehr stark ist. Es ist schön, festzustellen, dass man bei den Besten mitmischen kann“, freut sich Jennifer über diesen Titel.Vorgenommen hat sie sich in diesem Jahr noch einmal erfolgreich bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften zu schwimmen. Gute Ergebnisse wünscht sie sich auch für die anstehenden Meisterschaften auf Lang- und Kurzbahn bei SV NRW- und Deutschen Meisterschaften. „Mein Ziel ist es dort in der offenen Klasse ein Finale zu erreichen und zu zeigen, dass ich mit den älteren mithalten kann“, sagt Jennifer. Ihr Fernziel ist es, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen, wobei sie das aber einem Beruf oder einem Studium unterordnet.

Jennifer Pietrasch (SV 1911 Bottrop)

Jennifer bezeichnet sich selbst als sehr ehrgeizig beim Training. „Ich bin ein Typ, der gerne länger bleibt und auch mehr macht als andere“, sagt sie von sich selbst. Sie trainiert bis auf Mittwoch sechs bis siebenmal in der Woche jeweils zwei Stunden.
In ihrer Freizeit beschäftigt sich Jennifer viel mit dem zur Familie Pietrasch gehörenden Hund. Ein Leben ohne Hund kann sie sich nicht vorstellen. Es bringt ihr Abwechslung und Lebensfreue. Ein weiteres Hobby von ihr ist das Zeichnen. Bis vor kurzem hat sie, um das zu optimieren, eine Malschule besucht. Auf bestimmte Motive beim Zeichnen hat sie sich nicht festgelegt. „Das richtet sich danach, was mir gerade einfällt, oder welches Material gerade vorhanden ist“, erzählt sie uns.
Wenn sie nach Hause kommt, freut sich Jennifer in erster Linie auf’s essen, wobei sie Nudeln in allen Variationen allen anderen Speisen vorzieht. Im Fernsehen sieht sie sich gerne die Serie „The Bing Bang Theory“ auf PRO7 an. Reisen würde sie gerne einmal um die ganze Welt. Ansonsten liebt sie besonders Norwegen und Irland. Land, Leute und Klima in diesen Ländern liegen voll auf ihrer Wellenlänge.
Ihr Lebensmotto: „Keep a dream in your heart“ hat Jennifer zu Hause immer im Blick. Sie besitzt ein Bild, wo das drauf steht und erinnert sie ständig an ihren Wunsch an eine Olympiateilnahme. Genauso wichtig ist ihr aber auch später einen vernünftigen Beruf auszuüben, der ihr immer Spaß macht

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