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Sportlerportrait 02/2012 — Julia Leidgebel: Die Jugendschwimmerin des Jahres 2011 befindet sich weiterhin im Aufwärtstrend

Julia Leidgebel

Als bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften 2011 in Wuppertal das Finale über 50m Rücken der Frauen beendet war, wusste man im Lager der SG Dortmund nicht so recht, ob man lachen oder weinen sollte. Für große Freude sorgte der im Vorfeld der Titelkämpfe unerwartete Gewinn der Silbermedaille durch Julia Leidgebel, traurig war man hingegen, dass die Goldmedaille, die in 27,94 Sekunden an Doris Eichhorn (Aqua Berlin) ging, nur um die Winzigkeit von einer Hundertstelsekunde verpasst wurde. Das kostete Julia Leidgebel leider auch die Teilnahme an den Kurzbahn-Europameisterschaften in Stettin.

Julia selbst wurmt die unglücklich verpasste EM-Qualifikation jedoch auch ein halbes Jahr später immer noch nicht so sehr. "Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt auf das Podest komme. Die Freude, dass ich Zweite geworden bin, hat total überwiegt. Darum habe ich mich auch nicht sehr geärgert, dass ich nicht zur EM fahren konnte", sagt Julia. Im Alter von sechzehn Jahren bei einer Europameisterschaft im Deutschen Team zu stehen, das wäre allerdings schon ein Superding gewesen.

Lässt man aber das gesamte Jahr 2011 Revue passieren, hatte Julia Leidgebel genug Grund sich über zahlreiche Erfolge zu freuen. Ihre großartigen Leistungen im vergangenen Jahr gipfelten dann folgerichtig auch darin, dass Julia verdient Jugendschwimmerin des Jahres 2011 im SV NRW wurde. Eines ihrer Lebensmottos, welches da lautet "Probier´s mal mit Gemütlichkeit" spielt vor diesem Hintergrund eher eine untergeordnete Rolle. Auf den Weg zur Jugendschwimmerin des Jahres machte sich Julia Leidgebel, die am 28. August 1995 in Bochum geboren wurde und heute in Herne wohnt, wo sie die Jahrgangsstufe zehn des Haranni-Gymnasiums besucht, im Alter von acht Jahren. Ihr erster Verein war der SC Wiking Herne.

Julia Leidgebel vor ihrem "Wohnzimmer", dem Südbad in Dortmund.

Zum Schwimmen kam sie durch ihren vier Jahre älteren Bruder Collin, der im SV NRW ebenfalls kein Unbekannter ist und über die Rückenstrecken schon viele Titel gewann. Collin startet genau wie Julia für die SG Dortmund, die sich 2007 dieser Startgemeinschaft anschloss. Die besseren Perspektiven gaben für Julia den Ausschlag, zur SG Dortmund zu gehen, bei der sie auch viele Freunde gefunden hat. "Ich wollte Fortschritte machen und erfolgreicher werden. Ich war mir bewusst, dass ich hierfür den Verein wechseln muss. In Dortmund haben wir eine starke Trainingsgruppe, die zusammen hält und sich auch privat gut versteht. Es macht Spaß hier zu schwimmen und auch die Trainingslager machen mir viel Freude. Das wir nach Veranstaltungen wie Meisterschaften auch mal gerne feiern gehen finde ich ebenfalls gut", erzählt Julia.

Wäre sie nicht Schwimmerin geworden, könnte sie sich vorstellen, Basketball zu spielen. "Interessant wäre das für mich, weil es ein Teamsport ist", sagt Julia. Obwohl auch Mannschaftssport, mag sie Handball nicht so gerne, da sie sich hierbei schon einmal verletzt hat. "Wenn es im Schulsport heißt Handball spielen, halte ich mich aufgrund meiner schlechten Erfahrungen jetzt lieber heraus", erklärt Julia. Ihr sportliches Vorbild im Schwimmsport ist der US-Amerikaner Ryan Lochte. "Er macht sehr gute Kicks. So wie er würde ich das auch einmal gerne können", begründet Julia ihre Bewunderung für den vielfachen Olympiasieger und Weltmeister. Wenn es eine gemischte 2x100m Staffel für Männer und Frauen geben würde, hätte sie Ryan Lochte gerne als Partner. "Ich kann mir so ein Rennen aber auch zusammen mit meinem Bruder vorstellen", gibt sie zu Protokoll.

Julia Leidgebels bevorzugte Schwimmdisziplinen sind Rücken und Lagen. Die Brustlage macht ihr auch Spaß, am erfolgreichsten ist sie jedoch über Rücken. Ihre Lieblingsstrecke hier sind die 50m Rücken. "Das kann ich am besten und es macht mir auch am meisten Spaß", sagt Julia. Delphin schwimmt sie hingegen nicht so häufig und auch die langen Strecken sind nicht unbedingt ihr Ding. "Das dauert mir einfach zu lange", lautet ihr kurzer Kommentar zu den langen Distanzen.

Ein erfolgreiches Geschwisterpaar über die Rückenstrecken im SV NRW, Julia und Collin Leidgebel.

Julia Leidgebel schwimmt lieber auf der Kurzbahn als auf der Langbahn. "Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich unter Wasser stärker als über Wasser bin", verrät Julia. Ihr ist aber schon bewusst, dass sportlich gesehen die Langbahn wichtiger als die Kurzbahn ist. Darum arbeitet sie auch hart daran, sich hier zu verbessern. Erfolge auf SV NRW-Ebene hat Julia Leidgebel in den vergangenen Jahren sowohl auf der Kurz- als auch auf der Langbahn viele zu verzeichnen. Die Anzahl der gewonnenen Medaillen bei NRW-Meisterschaften kann sie spontan nicht nennen.

Da haben wir mal nachgezählt. Allein in den Jahren 2010, 2011 und 2012 gewann sie bisher vierundzwanzig! Jahrgangstitel und neun Titel in der offenen Klasse. Bei den NRW-Kurzbahnmeisterschaften 2011 in Gelsenkirchen brachte sie das Kunststück fertig bei ihren vier Titelgewinnen in der offenen Klasse jedes Mal einen neuen NRW-Altersklassenrekord aufzustellen. Ihre größten Erfolge auf DSV-Ebene waren zwei Deutsche Altersklassenrekorde über 50m Rücken auf der Kurzbahn, die sie für Fünfzehnjährige mit 28,82 Sekunden am 13.11.2010 in Wuppertal und für Sechzehnjährige mit 27,72 Sekunden am 11.12.2011 in Portland aufstellte, sowie der bereits erwähnte Gewinn der Silbermedaille in der offenen Klasse bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften 2011 in Wuppertal.

"Über meine Rekorde freue ich mich besonders. Es ist toll zu wissen, es war noch nie jemand in meinem Jahrgang so schnell wie ich. Das motiviert mich auch zum Weitermachen", erklärt Julia. Hier passt dann das weitere Lebensmotto von Julia: "Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden" wie Faust auf´s Auge. Ihre Altersklassenrekorde und den Wettkampf mit der DSV-Auswahl in Portland/USA im Dezember 2011 bezeichnet sie neben den DMS und DMS-J Wettbewerben, die sie mit der SG Dortmund bestritt, als ihre schönsten Erlebnisse im Schwimmsport.

Mannschaftswettkämpfe haben es ihr ohnehin angetan. "Ich schwimme total gerne DMS und DMS-J. Irgendwie schwimme ich bei diesen Wettbewerben immer besonders gut. Es macht einfach Spaß gemeinsam im Team Erfolg zu haben. Das gilt allerdings auch für den Einzelwettkampf, wenn man feststellt, dass man eine von den Guten ist", sagt Julia. Bei der Ausübung ihres Sports ist ihr auch schon einmal etwas Peinliches passiert. "Ich habe mich einmal bei 200m Rücken verzählt und nach 150m aufgehört", verrät sie uns.

Als ihre sportlichen Ziele nennt sie kurzfristig gesehen, weitere Finalteilnahmen in der offenen Klasse bei Deutschen Meisterschaften, auf längere Sicht will sie gerne die Qualifikation für eine Kurzbahn-EM nachholen, die sie im letzten Jahr noch so knapp verpasst hatte. Was sie nach ihrem Abitur, das 2014 ansteht, einmal beruflich machen will, weiß Julia derzeit noch nicht.

Bei ihrem Trainingsaufwand von ca. zwanzig Stunden wöchentlich bleibt nicht viel Zeit für Hobbys. In ihrer Freizeit unternimmt sie gerne etwas mit Freunden wie zum Beispiel Shoppen gehen. Für Ausruhen und ausschlafen ist sie jedoch auch immer zu haben. Besonders glücklich machen kann man Julia Leidgebel mit Schokolade. Daher gehört auch Schokoladeneis als Nachtisch nach dem Genuss ihrer Lieblingsspeise, Steaks vom Grill, zu ihren kulinarischen Vorlieben.

Richtig ärgern kann sie sich über Lügen und Gerüchte, sowie wenn sie jemand nicht so akzeptiert wie sie ist. Dank möchte sie ihren Eltern und ihrem Bruder Collin sagen, die sie immer und überall tatkräftig unterstützen und ohne die sie nicht dahin gekommen wäre, wo sie heute steht.

Peter Kuhne

Context Column