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Sportlerportrait 03/2017 – Delaine Goll: Ein Leben zwischen Badeanzügen und Hochzeitskleidern

Delaine Goll (SG Essen)

 

Fotos/Bericht: ©Peter Kuhne

Brustschwimmerinnen im SV NRW. Hier fallen einem viele Namen ein, wenn man sich näher mit erfolgreichen Athletinnen aus unserem Landesverband in dieser Schwimmart beschäftigt. Anteil an dieser Erfolgsstory hat auch Delaine Goll von der SG Essen, mit der wir uns in diesem Sportlerportrait beschäftigen. Ihren größten Erfolg feierte die 18-Jährige hierbei bei den Deutschen Meisterschaften 2016 in Berlin, wo sie über 200m Brust die Bronzemedaille gewann. Diesen Medaillengewinn bezeichnet Delaine als ihr bisher schönstes Erlebnis im Schwimmsport und bekommt heute noch feuchte Augen, wenn sie hiervon erzählt. „Angefangen hat alles einen Tag vor dem Rennen, als meine Mama mit ihrem Freund, meiner Schwester und meinem Halbbruder an meine Zimmertür klopften und mich damit überrascht haben, dass sie entgegen ihren ursprünglichen Absichten doch zur DM gekommen sind. Das hat mich dann umso mehr gefreut, da ich mich bei dieser DM ja auch für die JEM qualifizieren wollte. Am nächsten Tag bin ich am Morgen als Vorlaufvierte ins A-Finale gekommen. Damit hatte ich eigentlich schon mein Ziel für diese Saison erreicht und ich war schon echt stolz. In der Mittagspause, es war Muttertag, bin ich dann zu meiner Mama gegangen und hab ihr gesagt: Mama, ich schenke dir, dass ich gleich im Finale mein Bestes geben werde. Nach dem Anschlag habe ich zunächst nur von überall Geschrei gehört. Ich dachte noch, ist das für mich bevor ich mich zur Anzeigetafel hin umgedreht habe. Ich konnte mein Glück nicht fassen, als da stand, dass ich Dritte geworden bin. Ich bin dann zu meinem Trainer Mitja Zastrow gelaufen, habe mich ihm in die Arme geworfen und mich bei ihm bedankt, denn ohne sein optimales Training hätte ich das niemals geschafft. Meiner Mama hätte ich zudem kein schöneres Muttertagsgeschenk machen können“, berichtet Delaine von diesem für sie denkwürdigen Tag. Ergänzend sei hinzugefügt, dass dieses 200m Brustfinale mit Gold für Jessica Steiger (VFL Gladbeck 1921) und mit Silber für Delaine‘s Mannschaftskameradin Michelle Lambert für den SV NRW insgesamt ein großer Erfolg war.

 

 

Delaine Goll (SG Essen)

Dass Delaine Goll an einem Sonntag zu ihrer Bronzemedaille schwamm, spannt eventuell einen Bogen zum Tag ihrer Geburt, dem 11. April 1999, an dem sie in Bottrop das Licht der Welt erblickte. Das war nämlich auch ein Sonntag. Von Sonntagskindern sagt man, sie werden vom Leben bevorzugt. Sie strahlen Mut, Kraft, Vitalität und Lebensfreude aus. Besonders die Lebensfreude kann man Delaine förmlich anmerken. So sagt sie von sich „Ich bin ein optimistischer, eigentlich immer gut gelaunter Mensch, der auch in Gesellschaft für gute Laune sorgt, gern Spaß macht und für Spaß zu haben ist.“ Ein Lebensmotto von ihr lautet: HAPPINESS IS NOT A DESTINATION, IT’S A WAY OF LIFE, was so viel bedeutet wie Glücklich sein ist nicht ein Ort oder Moment an dem wir ankommen, sondern eine bewusste Entscheidung für die Art wie wir leben. „Man kann es auch so ausdrücken: glücklich sein ist wichtig im Leben“, ergänzt Delaine. Dass sie mit dem Schwimmen besonders glücklich ist, betont sie mit Nachdruck. Ihr Zuhause ist ihre Geburtsstadt Bottrop. Die Stadt hat ca. 120.000 Einwohner und liegt nördlich von Essen. Nach Bottrop, wo ihre Familie lebt, kommt Delaine meist nur jedes zweite oder dritte Wochenende, denn seit 2013 wohnt sie im Sport- und Tanzinternat in Essen. Ihre schwimmerischen Wurzeln liegen ebenfalls in Bottrop. Im Jahr 2003 hat sie dort Schwimmen gelernt und ist 2004 in die SVg Bottrop 1924 eingetreten. „Bei der SVg Bottrop gibt es gute Nachwuchstrainer und der Verein ist sehr familiär aufgestellt“, erzählt Delaine. Nicht wegzudenken ist bei der SVg das Trainerteam aus der Familie Lewandowsky. Drei davon, nämlich Michelle, Gritta und Marc Lewandowsky betreuten Delaine in ihrer dortigen Zeit. 2009 wechselte sie zur SG Essen. Über die Stationen Sephan Stenger, Kerstin Vogel, Mitja Zastrow und Nicole Endruschat ist sie inzwischen bei Franzisco Frederico, der 2017 von der SG Neuss an die Ruhr kam, gelandet. Neben Brust schwimmt sie auch gerne Lagen. Rücken mag sie hingegen nicht so sehr. „Da ziehe ich immer an der Leine“, schmunzelt Delaine. Von den drei Brustdistanzen schwimmt sie am liebsten die 100m, am besten beherrscht sie allerdings die 200m. Sie bevorzugt die Langbahn. „Ich brauche immer erst 25m um ins Rennen reinzukommen. Außerdem sind meine Tauchphasen nicht die besten, da verliere ich am meisten. Ich hole deswegen alles immer erst auf den letzten 15 Metern auf“, nennt sie als Hauptgrund, warum sie lieber Lang- als Kurzbahn schwimmt.

 

 

Delaine Goll (SG Essen)

Direkte Vorbilder im Schwimmsport hat sie nicht. „Ich bewundere zwar viele Sportler, als Vorbild würde ich aber eher jemand wie Kerstin Vogel bezeichnen, oder auch Michelle Lambert, also Leute aus dem eigenen Verein. Vorbilder sind für mich die, die mir nahe sind, und nicht die, die weit weg sind“, so Delaine. Sie sieht es als Vorteil an, dass die Gruppe der Brustschwimmer bei der SG Essen sehr groß ist. Hiervon hat sie viel profitiert. Bei SV NRW-Jahrgangsmeisterschaften gewann Delaine Goll bisher sieben Titel. Ihre ersten Medaillen bei Deutschen Jahrgangsmeisterschaften gewann sie 2012 mit Gold über 100m Brust und Silber über 200m Brust. In den Jahren 2013 und 2014 wurde sie wegen Krankheit stark zurückgeworfen, Titel und Medaillen waren daher in dieser Zeit bei den DJM Mangelware. Im Jahr 2015 lag ihre Konzentration mehr auf den offenen Deutschen Meisterschaften, da diese maßgebend für eine Qualifikation für die Jugend-Europameisterschaften war. Die Jahrgangs-Meisterschaften standen bei ihr deswegen nicht im Fokus, dennoch gewann sie hier über 100m Brust Bronze. Hinsichtlich der JEM-Nominierung gab es anschließend einige Unklarheiten, die, dazu führten, dass sie vom DSV nicht berücksichtigt wurde. Zum Ausgleich erhielt sie vom Verband eine Wildcard für die nachfolgenden Junioren-Weltmeisterschaften in Singapur, wo sie über 100m Brust eingesetzt wurde und hier Platz 22 belegte. „Ich wäre lieber zur JEM nach Baku gefahren. Vielleicht hätte ich dort ein Halbfinale oder sogar ein Finale erreicht. Die Wildcard für die JWM war für mich mehr ein O.K.-Deal. Die gleiche Konstellation wie ein Jahr zuvor gab es hinsichtlich JEM-Quali auch 2016. Direkt qualifizieren konnte man wiederum bei den offenen Deutschen Meisterschaften. Mit dem eingangs erwähnten Gewinn der Bronzemedaille über 200m Brust, hatte Delaine die JEM-Quali im Gegensatz zum Vorjahr endlich in der Tasche. Die Jahrgangsmeisterschaften standen wiederum hintenan. Ohne Medaille fuhr sie aber auch von diesen Titelkämpfen nicht nach Hause. Über 200m Brust gewann sie Bronze. Bei den Jugend-Europameisterschaften im ungarischen Hodmezovasarhely erreichte Delaine über 200m Brust das Halbfinale und belegte in der Endabrechnung Rang dreizehn. Mit der 4x100m Lagenstaffel schwamm sie auf Platz neun. Drei Medaillen holte Delaine Goll bei den diesjährigen Deutschen Jahrgangsmeisterschaften. Sie gewann Silber über 50m und 100m Brust, sowie Bronze über 200m Brust. Mit der SG Essen wurde sie ab 2013 bei der DMSJ in verschiedenen Altersklassen in jedem Jahr Deutscher Meister. Bei der DMS stand sie 2017 erstmals im Essener Team der 1. Bundesliga, das Deutscher Vizemeister wurde. Was ihre weiteren sportlichen Ziele angeht, denkt sie momentan bis 2020. Was danach kommt, macht sie davon abhängig, wie es läuft. Bei den kommenden Deutschen Kurzbahnmeisterschaften möchte sie gerne ein Finale – und vielleicht auch ein bisschen mehr – erreichen. Gerne würde sie einmal an einer EM oder WM teilnehmen. Beruflich hat sich Delaine noch nicht genau festgelegt, was sie einmal machen wird. Sie ist in diesem Jahr nach der elften Klasse vom Essener Helmholtz-Gymnasium abgegangen, um ihr Fachabitur zu machen. Zunächst macht sie ein Jahr ein Praktikum im Bereich Physiotherapie, eine Richtung, die sie auch beruflich interessiert. In erster Linie möchte sie nach dem Fachabitur aber Sport studieren und kann sich vorstellen anschließend die Richtung Management einzuschlagen. Sportlich vorbelastet ist sie in erster Linie durch ihre drei Jahre ältere Schwester Shirin Chantal, die von 2007 bis 2015 ebenfalls bei der SG Essen geschwommen ist. „Meine Schwester hast großen Anteil daran, dass ich zum Leistungssport gekommen bin.“, sagt Delaine. Wenn sie nicht Schwimmerin geworden wäre, würde sie wahrscheinlich Volleyball spielen. Was sie nicht so mag, ist Fußball und Basketball. „Beim Basketball treffe ich den Korb nie. Ich bin einfach zu klein“, lacht Delaine.

 

 

Delaine Goll (SG Essen)

In ihrer Freizeit liest Delaine gerne und sie schreibt auch gerne so etwas wie Tagebücher. Sie hat sogar bereits ihre bisherige Lebensgeschichte aufgeschrieben, um zu realisieren, was sie alles schon gemacht und geleistet hat. Außerdem tanzt sie gerne und wenn es etwas zu lachen gibt, ist sie als erste dabei. Ihr musikalischer Favorit ist der italienische Komponist und Pianist Ludovico Einaudi, der hauptsächlich durch seine Kompositionen von Filmmusik bekannt wurde. Diesen Künstler würde Delaine gerne einmal kennenlernen oder zumindest live erleben. „Ich höre gerne seine Klavierstücke, damit schlafe ich immer ein. Der hat so eine Leichtigkeit in seinen Fingern, das ist kaum nachzumachen“, schwärmt Delaine vom 61-jährigen Italiener. Ihr bevorzugtes Reiseland ist Kroatien, wo sie schon seit vielen Jahren mit ihrer Familie Urlaub macht. Dort kann sie sich am besten entspannen und sie hat dort auch einige Freunde. Im Fernsehen schaut sie sich gerne Serien an. Da gibt es einmal die US-amerikanische Actionserie „Prison-Break“. Zum anderen ist sie ein Fan der Serie „Zwischen Tüll und Trainen“, die täglich auf VOX läuft. „Da werden Hochzeitskleider verkauft und ich interessiere mich sehr für Hochzeitskleider. Alle im Internat wissen schon, dass ich pünktlich vor Sendebeginn vor dem Fernseher sitze, um das zu gucken. Dadurch wissen die auch schon, dass ich meine Hochzeit bereits geplant habe.“, erzählt Delaine. Jetzt muss sie nur noch den passenden Mann zum Kleid finden, den hat sie aber noch nicht. Glücklich ist Delaine, wenn sie Freunde hat, die immer ehrlich zu ihr sind und ihr treu bleiben. Ärgern kann sie sich, wenn man ihr vor dem Training nicht den Plan zeigt, da das ihre Vorbereitung stört. Besonders ihr Trainer Francisco ärgert sie vor allem beim Athletiktraining damit, wenn er nicht verrät, was anschließend im Wasser abgeht. Krafttraining macht sie übrigens sehr gerne. Bei den Essener Mädchen gehört sie hier zu den besten und ist auch die, die am besten Gewichte umsetzen kann. Nicht verzichten kann Delaine Goll auf ihre Familie und Freunde, sowie auf ihr Handy. Das Handy würde sie zu aller erst auch auf eine einsame Insel mitnehmen. Weiterhin mitnehmen würde sie eine Freundin und einen Badeanzug. Wenn sie wiedergeboren würde, wäre sie gerne eine Schildkröte, weil die lange leben. Oder ein Elefant, das sind ihre Lieblingstiere. An denen gefällt ihr, dass sie so stark sind. Hier stelle ich mir gerade vor, wie wohl ein Elefant in einem Hochzeitskleid aussieht?! Ihr Traum ist es, dass sie ihr Leben so leben kann, wie sie es sich vorstellt. Ein kleiner Traum geht für Delaine bereits in den kommenden Herbstferien in Erfüllung. Zum dritten Mal fährt sie mit dem JUNIOR-TOP-TEAM des SV NRW in ein Trainingslager. Nach Belek/Türkei 2015 und Stellenbosch/Südafrika 2016 geht es diesmal in die chinesische Metropole Shanghai. Das Team kann sich freuen, denn mit Delaine Goll haben sie wiederum eine echte Stimmungskanone an Bord.

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