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Sportlerportrait 01/2014 – Vera Thamm

Die NRW Behindertensportlerin des Jahres 2013 schwimmt von Erfolg zu Erfolg

Vera Thamm (SG Bayer) mit ihren WM-Medaillen

Aus gegebenen Anlass beginnen wir unsere Reihe der Sportlerportrais in diesem Jahr mit einer Schwimmerin, die in 2013 und in den Jahren zuvor auf einem anderen Feld als die Athleten, die sonst an dieser Stelle portraitiert werden, mit herausragenden Leistungen für Furore gesorgt hat. Es handelt sich um Vera Thamm, die am 13. Dezember 2013 als NRW-Behindertensportlerin des Jahres ausgezeichnet wurde.

Den begehrten "Felix-Award" für diesen Titel erhielt die 23-jährige Haltenerin in der Düsseldorfer Mitsubishi-Electric-Halle vor 1000 geladenen Gästen aus den Händen von NRW Familien, Kultur- und Sportministerin Ute Schäfer. Ausgeschrieben waren die Felix-Awards von der NRW-Landesregierung und dem Landessportbund NRW für die "Besten im Westen" in sechs Kategorien. Insgesamt wurden hierfür 105.000 Stimmen abgegeben. "Der Felix-Award bedeutet mir sehr viel. Es ist schon etwas besonderes, wenn ein Preis vom Publikum verliehen wird. Daran merkt man, dass einen die Leute mögen und die erbrachten Leistungen allgemein anerkannt werden", freute sich Vera Thamm über die Auszeichnung.

Ausschlaggebend für ihre Wahl zur Behindertensportlerin des Jahres waren ihre Erfolge bei den Weltmeisterschaften der Behinderten, die im August 2013 im kanadischen Montreal. ausgetragen wurden. Dort wurde sie in ihrer Startklasse Weltmeisterin über 50m Brust mit neuem Europarekord von 1:12,66 Minuten und gewann außerdem die Bronzemedaille über 50m Schmetterling. Ihre ersten Wettkämpfe bestritt Vera Thamm, der seit ihrer Geburt beide Arme und der rechte Unterschenkel fehlen, im Alter von acht Jahren. Erst mit 20 nahm sie dann an internationalen Wettkämpfen, und das gleich mit großem Erfolg teil. (Siehe Kasten). Außenstehende mögen sich wundern, dass Schwimmen Vera Thamms große Leidenschaft ist, denn kaum jemand kann sich vorstellen, wie man sich ohne Arme und nur einem Bein durchs Wasser ziehen kann. Mit ihrer ganz eigenen Technik, sie bewegt den Körper in jeder Schwimmlage wellenförmig und holt den nötigen Vortrieb aus dem Kick ihres linken Beines, kompensiert Vera Thamm ihr Handycap auf ihre spezielle Weise. "Ich mag Wasser, man kann sogar sagen, ich liebe es. Schwimmen entlastet die Gelenke. Außerdem sieht man von außen nicht direkt meine Behinderung. Das Schwimmen hat mir persönlich und menschlich sehr viel gebracht. Es hat mein gesamtes Selbstvertrauen sehr gestärkt", begründet Vera Thamm ihre Leidenschaft für das nasse Element.

Vera Thamm mit dem Schwimmnachwuchs der SG Bayer

Höhepunkte ihrer bisherigen Karriere waren die Paralympics 2012 in London und die bereits schon erwähnten Weltmeisterschaften 2013 in Montreal mit dem Titelgewinn über 50m Brust. "So eine Atmosphäre wie bei den Paralympics habe ich noch nie erlebt. Ich hatte noch nie so viele Interviewanfragen. Unsere Wettkämpfe wurden in London live auf großen Plätzen übertragen. Die Sportstätten waren fast immer ausverkauft und die Begeisterung auf den Rängen war unbeschreiblich. Die Engländer haben bewiesen, wie sportbegeistert und fair sie sind", schwärmt Vera noch heute von den Paralympics in der britischen Hauptstadt. Das möchte sie gerne noch einmal erleben und darum sind ihr erklärtes Ziel die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. Schwimmen möchte sie solange es ihr Spaß macht, vielleicht wird sie danach als Trainerin arbeiten.

Vera Thamms Stammverein ist der TSV Bayer-Leverkusen, der nach den Sommerferien 2013 der SG Bayer beigetreten ist. Seit dieser Zeit trainiert sie an zwei Tagen der Woche im Wuppertaler Schwimmleistungszentrum, an den anderen Tagen zieht sie ihre Bahnen überwiegend in ihrem Heimatort Haltern am See.

Vera studiert im siebten Semester an der Fachhochschule Münster Oecotrophologie (Haushalts- und Ernährungswissenschaften). Derzeit schreibt sie an ihrer Bachelorarbeit, wobei ein Thema Steinzeiternährung ist. "Da können viele nicht so viel mit anfangen. Es ist aber sehr interessant", erzählt Vera Thamm.

Als Vera Thamm in diesem Jahr ihre ersten Trainingseinheiten in Wuppertal bestritt, wartete eine Überraschung auf sie. Der Abteilungsleiter des SV Bayer Wuppertal, Dr. Mike Matthäus beglückwünschte sie mit einem Blumenstrauß zu ihrer Auszeichnung als NRW Behindertensportlerin des Jahres. Sehr zur Freude des Bayer-Nachwuchses hatte Vera Thamm ihre beiden WM-Medaillen mitgebracht, die sie stolz den jungen Schwimmerinnen und Schwimmern präsentierte. "Oh sind die schön und auch so schwer", war der Tenor selbst einer gestandenen Schwimmerin, wie Julia Makaric, als sie die Gold- und Bronzemedaille einmal selbst in die Hand nehmen durfte. Mit Argusaugen achtete Vera Thamm aber darauf, dass ihre bisher wertvollsten Trophäen keinen Kratzer abbekamen.

Ein erfolgreiches Gespann: Vera Thamm und ihre Trainerin Marion Haas-Faller

 

Ihr sportlicher Höhepunkt in diesem Jahr sind die Europameisterschaften in Eindhoven/Niederlande. (Der genaue Termin steht noch nicht fest). "Den Sieg über 50m Brust will ich mir dort nicht nehmen lassen" gibt sich Vera kämpferisch. Vielleicht holt sie sich in Eindhoven über ihre Paradedisziplin dann auch den Weltrekord, den sie in Montreal noch um die Winzigkeit von vier Hunderstelsekunden verpasst hatte. Das ein solcher Erfolg ohne ihr Umfeld nicht möglich wäre, betont Vera Thamm ausdrücklich. "Allen bei denen ich bisher trainiert habe, ob in Haltern, Köln und jetzt bei Marion Haas-Faller bin ich unsagbar dankbar für alles, was sie für mich getan haben. Ohne sie hätte ich das alles nicht erreicht", so Vera Thamm.

Persönliches

Geboren am 30.10.1990 in Haltern am See
Stammverein: TSV Bayer Leverkusen, Startrecht für SG Bayer
Trainerin: Marion Haas-Faller
Beruf: Studentin der Oecotrophologie (Haushalts- und Ernährungswissenschaften im siebten Semester an der Fachhochschule Münster
Hobbys: Tauchen, Kochen, Radfahren, Freunde treffen

Erfolge:

Junioren-Weltmeisterschaften 2010 in Tschechien:
5 Goldmedaillen (50m Brust, 50m Rücken, 50m Schmetterling, 150m Lagen, 200m Freistil. Silbermedaille 50m Freistil, Bronzemedaille 100m Freistil

Europameisterschaften 2011 in Berlin:
Silbermedaille 50m Brust, Bronzemedaille 150m Lagen

Paralympics 2012 in London:
Platz 8 50m Freistil, Platz 9 100m Freistil, Platz 13 50m Rücken

Weltmeisterschaften 2013 in Montreal:
Goldmedaille 50m Brust mit Europarekord (1:12,66), Bronzemedaille 50m Schmetterling Platz 5 150m Lagen, Platz 7 50m Rücken. Dreimal Platz 8 (50m, 100m und 200m Freistil)

Peter Kuhne

Sportler von A-Z

Context Column