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Handelsblatt Nr. 126 vom 02.07.04 Seite W07
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ANDREAS KOETTER HANDELSBLATT, 2.7.2004, Schreien hilft. Seichte
Bleigewichte ziehen einen zurück, sosehr man sich auch
gegen den Wasserdruck anstemmen mag. Unter den Füßen
rutscht der Sandboden hurtig weg. |
Der Sportler scheint nicht voranzukommen. Nebenan kreischt und
tobt alles; einige recken die Arme, um schmaler durchs Wasser rucken
zu können, andere marschieren stechschrittartig durch das hüfthohe
Gewässer.
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Das eigentliche Mysterium aber ist, dass diese merkwürdige
Mühsal einen solchen Riesenspaß macht, dass man
sogar den Muskelkater am nächsten Tag billigend in Kauf
nimmt - ein Schicksal, das ungefähr 500 "Outdoor
Aquarunnern" teilen werden, die am 18. Juli beim nassen
Jux "Zu Fuß durch den See" im Fühlinger
See bei Köln nicht über, aber durchs Wasser gehen.
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Seinen Ursprung hat das nasse Vergnügen in eher freudloser
Rehabilitation und Rekonvaleszenz, etwa bei Leistungssportlern.
Mittels Aquafitness heilte Lothar Matthäus, heute ungarischer
Nationaltrainer, einen Kreuzbandriss aus, den er sich in seiner
aktiven Fußballerzeit zuzog. Seither schwört Loddar aufs
Rackern im Wasser.
"Aqua-Fitness kann helfen, bestehende Verletzungen schneller
zu überwinden", sagt Peter Freyer,
Sportreferent des Schwimmverbandes NRW. Der Diplomsportlehrer gilt
als Pionier in Sachen Aqua-Fitness in Deutschland und hat maßgeblichen
Anteil daran, dass diese Fitness- Übungen immer populärer
wurden.
"Jeder, der Aqua-Fitness einmal ausprobiert hat, wird seine
Vorurteile schnell revidieren müssen", verspricht er.
Das bestätigt Harald Weber. Den selbstständigen Unternehmer
begeistert an Aqua-Fitness, "dass man sich einerseits fühlt
wie im Schwebezustand, sich andererseits aber richtig anstrengen
muss bei den Übungen, will man den Wasserwiderstand überwinden".
Als schon Fortgeschrittener bevorzugt Weber das Tiefwasser-Joggen,
"bei dem man keinen Grund mehr unter den Füßen hat
und sich richtig auspowern kann. Da hilft dann nur noch ein Auftriebgürtel."
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Die Handelsvertreterin Beate Drießen dagegen schätzt
vor allem auch die wohltuende Massagewirkung des Wassers und
damit den Wellness-Charakter: "Die Durchblutung von Haut,
Muskeln und Bindegewebe wird gefördert, die Entschlackung
des Gewebes angeregt; genau richtig für die Problemzonen
der Frau."
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Klaus Meyer, Physiotherapeut und Kooperationspartner des Olympia-Stützpunkts
Dortmund, erklärt: "Aqua-Fitness dient dem Aufbau von
Kondition und Muskeln, trainiert Herz und Kreislauf und stärkt
auf schonende Art den gesamten Bewegungsapparat. Denn die Gelenke
werden im Wasser lediglich mit einem Zehntel des eigenen Körpergewichts
belastet, der Widerstand aber, der bei den Übungen überwunden
werden muss, ist 800-mal größer als in der Luft, was
einen höheren Energie- und Kalorienverbrauch und damit einen
größeren Trainingseffekt zur Folge hat."
Aqua-Sportler verfügen über ein stärkeres Immunsystem
und leiden seltener unter Bronchitis. Denn das kalte Wasser wirkt
wie ein Gefäßtraining; die Blutgefäße stehen
im Wasser unter stärkerem Druck. Es strömt mehr Blut zum
Herzen, und mit jedem Schlag pumpt der Herzmuskel mehr Blut in den
Kreislauf. Das Herz muss weniger arbeiten, um den Körper mit
sauerstoffreichem Blut zu versorgen, und die Pulsfrequenz sinkt.
Anschauungsunterricht, wie ein Aqua-Fitness-Programm aussehen kann,
liefert ein 15-minütiges Trainingsvideo, das der ehemalige
Europameister über die Mittelstrecke von 5 000 Metern und heutige
Sportmediziner Thomas Wessinghage und der Schweizer Olympiazweite
von Los Angeles (ebenfalls über 5 000 Meter), Markus Ryffel,
veröffentlicht haben.
Ob Aqua-Drill, Aqua-Boxing oder, etwas weniger martialisch, Aquarobic,
die erfrischend-kühle Variante von Aerobic, bei der es auch
an den typischen Beats nicht mangelt - das Spektrum ist in der Tat
groß, so dass Freyer zur Orientierungshilfe auf den so genannten
"Aqua-Fitness-Kompass" verweist.
Der ehemalige Top-Athlet Ryffel sieht die Vorteile eines Workouts
im Wasser vor allem in der geringen Verletzungsgefahr. "Die
Muskulatur wird durch den erhöhten Widerstand gekräftigt;
ruckartige Bewegungen, die zu Verletzungen an Bändern und Sehnen
führen könnten, sind im Wasser kaum möglich."
Das ist auch ein Grund dafür, "dass in der NBA, der US-Basketball-Liga,
manche Trainer ganze Teile des Trainings ins Wasser verlegen, um
die hohe Belastung der Gelenke durch Training und Spiel abzumildern
und dennoch die notwendigen Trainingsumfänge aufrechterhalten
zu können", so Sportreferent Freyer.
Wer sich über die vielen Möglichkeiten und Vorteile von
Aqua-Fitness informieren möchte, dem rät der Experte:
"Die meisten Schwimmbäder und Schwimmvereine haben heute
Aqua-Fitness im Angebot. Nachfragen
lohnt sich!"
Autor: Koetter, Andreas
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